2. Der zeitliche Rahmen für den griechischen Kulturkreis
Die ägäische Frühgeschichte (3. und 2. Jtd. v. Chr.)
Der Zeitraum lässt sich mit dem Einsetzen erster literarischer Äusserungen im frühen 1. Jtd. v. Chr. bestimmen. Diese Zeitmarke hat auch heute noch Gültigkeit, doch seit die vielfältigen Rückbindungen in das 2. Jtd. v. Chr. dinein erkannt wurden, sind die altägäischen Hochkulturen gleichfalls in das Blickfeld der Griechischen Archäologie getreten.
Die Kykladenkultur (3.Jtd. v. Chr.)
Die im Zentrum der Ägäis gelegene Inselgruppe der Kykladen war in der Antike durch reiche Bodenschätze (Marmor, Obsidiangestein, Kupfer, Blei,...) gesegnet. Die Blütezeit der Kykladenkultur fällt in das 3. Jtd. v. Chr. Markenzeichen der Marmorverarbeitung, die zu vollendeter handwerklicher Perfektion gelangte, sind dünnwandige Gefässe, sowie Figurinen, deren charakteristisches Merkmal die Abstraktion bei der Gestaltung des menschlichen Körpers bildet (sog. Kykladenidole). Die grössten erhaltenen Exemplare erreichen eine Höhe von etwa 1,5 m. Die signifikaten Zeugnisse sind ganz überwiegend über den Kunsthandel bekannt geworden. Wegen der fehlenden Fundkontexte ist eine fundierte Interpretation der menschengestaltigen Figuren nicht möglich. Unklar ist insbesondere, in welchem Maße sie religiöse Vorstellungen ihrer Zeit widerspiegeln. Gesichert ist hingegen die Einbeziehung der Kykladen in die damals weit nach Osten und Westen ausgreifenden ökonomischen und kulturelen Kontakte.
Innerhalb der Kykladenkultur unterscheidet die Forschung folgende Entwicklungsstufen:
- Frühkykladisch I (ca.3000-ca.2600 v. Chr.)
- Frühkykladisch II (ca. 2600-2300 v. Chr.)
- Frühkykladisch III (ca. 2300-2000 v. Chr.)
- Mittelkykladisch (ca. 2000-1600 v. Chr.)
- Spätkykladisch I (ca.1600-1500 v. Chr.)
- Spätkykladisch II (ca. 1500-1400 v. Chr.)
- Spätkykladisch III (ca. 1400-1100 v. Chr.)
Die Minoische Kultur (3. und 2. Jtd. v. Chr.)
Auf der Insel Kreta lässt sich aus Funden ableiten, dass die Phase vom frühen 3. Jtd. bis in das ausgehende 2. Jtd. v. Chr. kulturgeschichtlich als eine Einheit zu verstehen ist. Arthur Evans benannte die in Anspielung auf den mythischen König Minos die Minoische Kultur. Markantetes Kennzeichen der Minoischen Kultur sind zweifellos die Paläste. Weitere charakteristische Kunstäusserungen Kretas sind neben der Architektur vor allem die Freskomalerei, die Keramik und die Siegelglyptik. Die Grabungen auf der etwa 150 km nördlich von Kreta gelegenen Inses Thera (Santorin) haben die Befunde zur Minoischen Kultur erheblich vermehrt. In jüngster Zeit verdeutlichten Grabungsbefunde in Ägypten, im Nahen Osten und an der kleinasiatischen Westküste zudem das intensive Netz an wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen mit den benachbarten Kulturräumen.
Besondere Aufmerksamkeit haben der Vulkanausbruch auf der Insel Thera (Zeitpunkt und Auswirkungen) und die Frage nach den Ursachen des Endes der minoischen Kultur gefunden. Mit einer hieroglyphisch-piktographischen Schrift und den sog. Linear A- und Linear B-Schriften liegen aus Kreta frühe Schriftsysteme vor. Ohne zusätzliche Belege nicht zu dechiffrieren ist der Diskos von Phaistos.
Innerhalb der Minoischen Kultur unterscheidet die Forschung folgende Entwicklungsstufen:
- Vorpalastzeit (ca. 2900-2100 v. Chr.)
untergliedert in Frühminoisch [FM] I, FM II A und FM II B
- Altpalastzeit (ca. 2100- 1800 v. Chr.)
untergliedert in FM III bzw. Mittelminoisch [MM] I A, MM I B/MM II A
- Neupalastzeit (ca. 1800-1450 v. Chr.)
untergliedert in MM II B/III A, MM III B und Spätminoisch [SM] I A
(Fallbeispiel Nr. 1)
In diese Phase fällt der Vulkanausbruch auf Thera. Die Katastrophe
wird mehrheitlich in die Zeit um 1530 bis 1500 v. Chr. datiert.
- Endpalastzeit (ca. 1450-1200 v. Chr.
Diese Phase bezeichnet die Einverleibung Kretas in das Mykenische
Reich
untergliedert in SM I B, SM II, SM III A1, SM III A2 und SM III B
- Nachpalastzeit (ca. 1200-1100 v. Chr.)
auch SM III C
Die Mykenische Kultur (ca. 1575-1050 v. Chr.)
Innerhalb der ägäischen Bronzezeit (Helladikum) umfasst die Mykenische Periode den letzten, etwa die 2. Hälfte des 2. Jtds. einnehmenden Abschnitt. In dieser Phase der griechischen Geschichte hat sich der Sitz von Mykene zum überregionalen Machtzentrum entwickelt. Eine bis zur Perfektion ausgereifte Verwaltung, die uns in den sog. Linear B-Tafeln detailliert vor Augen tritt. Markante archäologische Zeugnisse dieser Periode sind neben den Burgen auf der Peloponnes (Mykene, Tiryns, Pylos) und in Böotien und ihrem Inventar vor allem die Nekropolen mit den Kuppel-und Schachtgräbern sowie den figürlich bemalten Tonsarkophagen (Larnakes).
Innerhalb der Mykenischen Kultur unterscheidet man folgende Entwiglungsstufen:
- Frühmykenisch/Späthelladisch [SH] I (ca. 1575-1500 v. Chr.)
- Mittelmykenisch/SH II (ca. 1500-1400 v. Chr.)
untergliedert in SH II A und SH II B
- Spätmykenisch/SH III (ca. 1400-1050 v. Chr.)
untergliedert in SH III A1 und SH III A2, SH III B1 und SH III B2
sowie SH III C früh, SH III C entwickelt, SH III C spät
In der Ebene von Argos wird der Übergang von SH III B2 zu SH III C früh durch ein etwa um 1200/1190 v. Chr. zu datierendes schweres Erdbeben markiert. Ein zweites Erdbeben um 1120/1100 v. Chr. (SH III C entwickelt) bringt die Paläste von Mykene und Tiryns erneut zum Einsturz. SH III C spät bezeichnet die letzte Nachbesiedlung in bzw. bei den Burganlagen.
Die Dark Ages
Früher ging man von einem massgeblich durch äussere Gewalteinwikung herbeigeführtenZusammenbruch der mykenischen Kultur in der Mitte des 12 Jhs. v. Chr. aus und sah den Beginn der Konsolidierung neuer Strukturen im 12. Jh. v. Chr. Für den nahezu zweihundert Jahre währenden Zeitraum zwischen diesen Daten fehlten aussagekräftige archäologische Zeugnisse. Man sprach deshalb von den "dunklen Jahrhunderten". Durch Forschungen der letzten drei Jahrzehnte wurde diese Vorstellung grundlegend revidiert. Die vermeintliche Lücke ist nahezu geschlossen. Auch aus historischer Sicht lassen sich die Éreignisse, die zur Auflösung der mykenischen Machtstrukturen führten, im Kern erklären.
In der Terminologie der für die frühgriechische Kultur entwickelten Chronologie schliesst also unmittelbar an die Phase SM III C spät die Phase Submykenisch/Früh-Protogeometrisch an
Die geometrische Epoche (ca. 1050/1000-700 v. Chr.)
Historisch gesehen umfasst die Epoche jene Phase der griechischen Geschichte, in der sich die neuen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Strukturen stabilisiert haben. Einen Einblich in die veränderte Lebenswelt der Griechen bieten die Homerischen Epen (Ilias und Odyssee). Statt des zuvor zentral agierenden Königspriestertums liegen die Geschicke nun in den Händen zahlloser "Fürsten".
Die Namensgebung für diese Epoche geht von charakteristischen Merkmalen der bildenden Kunst aus: Im Jahr 1870 legte Alexander Conze seine Abhandlung Zur Geschichte der Anfänge der griechischen Kunst vor. Darin analysiert er eine erstmals von ihm zusammengestellte Gruppe von Tongefäßen, in deren Dekoration er ein gemeinsames Gestalltungsprinzip erkannt hatte.
Funde aus den Nekropolen Athens haben das ausserordentliche Niveau der Töpferkunst vor Augen geführt.
Innerhalb der Geometrischen Epoche unterscheidet die Forschung folgende Entwicklungsstufen:
- Protogeometrisch (ca. 1050/1000-900 v. Chr.)
- Frühgeometrisch (ca.900-800 v. Chr.)
In dieser Phase lassen sich in Al Mina, an der Mündung des Orontes,
griechische Händler nieder, für Euböa, Kreta und die italische West-
küste sind Werkstätten phönizischer Gold- und Kupferschmiede
bezeugt.
- Reifgeometrisch (ca. 800-750 v. Chr.)
Für diese Phase sind in Fundplätzen auf Euböa und im Umfeld
der euböischen Kolonien an der italischen Westküste die ersten Belege
der griechischen Alphabetschrift bezeugt. Etwa zeitgleich auch erste
Schriftzeugnisse in Etrurien.
- Spätgeometrisch (ca. 750-700 v. Chr.)
In dieser Phase begann die Niederschrift der Epen des "Troischen
Sagenkreises (Epischer Kyklos)", darunter die unter dem Namen des
Homer verbreiteten Epen Ilias und Odyssee.
Die archaische Epoche (ca. 700-490/480 v. Chr.)
Die Bezeichnung "Archaik" leitet sich von dem griechischen Wort arche (d.h. Anfang) ab. Sie wurde in der Phase der dezidiert kunsthistorisch orientierten archäologischen Forschung geprägt, als man die Zeugnisse des 7. Jhs. v. Chr. als früheste Belege künstlerischer Qualität ansah.
Politisch ist die archaische Epoche von der Formierung der autonomen "Stadtstaaten" (poleis) und deren sich rasch ausbildender Rivalität geprägt. Die in dieser Phase dominierenden Herrschaftsysteme sind die Oligarchie (Macht liegt in den Händen einer kleinen Gruppe aus dem Kreis der Aristokratie) und die Tyrannis (Macht liegt in den Händen einer Einzelperson oder eines Clans).
Innerhalb der Archaischen Epoche unterscheidet die Forschung folgende Entwicklungsstufen:
- Früharchaisch (ca.700-630/620 v. Chr.)
Dieser Abschnitt wurde in der Forschung vorübergehend als eine
eigenständige Phase betrachtet und als "orientalisierende" Epoche
bezeichnet.
- Reif- oder Hocharchaisch (ca. 630/620-560/550 v. Chr.)
- Spätarchaisch (ca. 560/550-490/480 v. Chr.)
Die klassische Epoche (frühes 5. Jh-336 v. Chr.)
Die Bezeichnug "Klassik" entspingt dem gleichen Denken das für den voraufgegangenen Zeitabschnitt den Terminus "Archaik" geprägt hat: Aus ihren Anfängen im 7. Jh. v. Chr. - so die Vorstellung - habe die künstlerische Entwicklung im 5. und 4. Jh. v. Chr. ihre höchste Vollkommenheit erlangt. Dieses Denkmodell konnte nur entstehen und sich zunächst auch behaupten, weil der Blick sehr stark auf die Entwicklung in Athen fokussiert war.
Politisch bleibt die Aristokratie zwar weiter dominat, dies freilich nicht mehr in der abgehobenen Isolierung von "dem Volk" (Demos). Aus der normierten Teilhabe der Bürger an der Gestaltung der Politik leitet sich die Bezeichnung Demokratie für die neue, erstmals in Athen eingeführte Verfassung ab.
Innerhalb der Klassischen Epoche unterscheidet die Forschung folgende Entwicklungsstufen:
- Frühklassisch (ca. 490/480-450 v. Chr.)
In der streng wirkenden Gesichtsphysiognomie an Bildwerken dieser
Phase (auch "Strenger Stil" genannt) glaubte man die Auswirkungen
der in diese Zeit fallenden militärischen Ausernandersetzungen mit
den Persern erkennen zu können, doch sind aus dem Kontakt mit den
Persern auch fruchtbare Anregungen für die Kunst und das Lebens-
gefühl der Griechen hervorgegangen.
- Hochklassisch (ca. 450-420 v. Chr.)
Als Sinnbild dieser Phase gelten in der Architektur die von Perikles
veranlassten und von einem Kreis gleichgesinnter Architekten
(Kallikrates, Iktinos) und Künstler (Pheidias) entworfenen respektive
ausgeführten Bauten auf der Athener Burg sowie die "Kanonisierung"
des Bildes von der menschlichen Gestalt durch den Bildhauer Polyklet.
- Spätklassisch (ca. 420-336 v. Chr.)
Diese Phase einer in allen Regionen Griechenlands ungebrochenen
künstlerischen Ergiebigkeit ist ein Beleg dafür, dass widrige politische
Rahmenbedingungen (anhaltende heftige innergriechische Feindselig-
keiten [staseis]) die Kunstausübung nicht zwangsläufig zum Stillstand
bringen.
Die hellenistische Epoche (336-30 v. Chr.)
Die Epoche des "Hellenismus" umschliesst den Zeitraum von der Regierungszeit Alexanders des Großen (336-323 v. Chr.) bis zu dem von Augustus in den ersten vier Jahren (31-27 v. Chr.) seiner Machtausübung faktisch herbeigeführten Ende der römischen Republik. Die "Hellenisierung" beruht im Osten auf den militärischen Erfolgen während des Alexanderzuges (334-323 v. Chr.). Ausgelöst durch die Bewunderung römischer Intellektueller beginnt die griechische Kultur auch im Westen Fuss zu fassen.
Im griechischen Mutterland löst sich die überkommene kleinteilige Polis-Struktur zugunsten grossräumiger Zusammenschlüsse auf. In Mittel- und Südgriechenland sind sie als Koinon organisiert, im Norden sowie Kleinasien und Ägypten hält sich die monarchische Tradition.
Innerhalb der Hellenistischen Epoche unterscheidet die Forschung folgende Entwicklungsstufen:
- Frühhellenistisch (336-220 v. Chr.)
- Hochhellenistisch (ca. 220-150 v. Chr.)
- Späthellenistisch (ca. 150-30 v. Chr.)
ellinikí dimokratía
